Das wird doch sowieso nichts!

Schweißausbrüche, Nervosität und Denkblockaden: Diese Symptome der Prüfungsangst kennen viele Studierende nur allzu gut. Holger Walther arbeitet seit vielen Jahren als Psychologischer Berater an der Humboldt-Universität zu Berlin. Studentenfutter spricht mit ihm über Prüfungsangst und sein neues Buch. Darin verrät er, wie Studierende ihr Selbstbewusstsein vor, während und nach Prüfungssituationen Schritt für Schritt steigern können.

// Studentenfutter: Wie gehen Studierende Ihrer Erfahrung nach mit dem Prüfungsmarathon zum Semesterende um?

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// Walther: Vor allem Bachelor-Studenten haben ein stressiges Studium und müssen in wenigen Wochen viele Prüfungen schreiben. Da muss man sehr diszipliniert sein. Die Kunst ist es, sich auf verschiedene Fächer gleichzeitig vorzubereiten und sich nicht von anderen mit Panik anstecken zu lassen.

Wer allerdings unter Prüfungsangst leidet, hat es schwer: Diese Studierenden bleiben schneller hängen, als zum Beispiel in den alten Diplomstudiengängen. Sie stellen sich dann oft die Frage, ob das Studium wirklich passt und die eigenen Erwartungen erfüllt. In der Folge orientieren sich viele schon in den ersten zwei Semestern um.

 

// Studentenfutter: Gibt es konkrete Zahlen, wie viele Studierende unter Prüfungsangst leiden?

// Walther: Leider nein. Aber bei allen Psychologischen Beratungsstellen der Hochschulen gehört Prüfungsangst zu einem der häufigsten Gründe für ein Gespräch. Und ganz grundsätzlich geben immerhin ein Viertel der Studierenden in einer Umfrage des Deutschen Studentenwerks an, dass sie während des Studiums in einer Situation waren, wo sie psychologische Hilfe gebraucht hätten oder auch in Anspruch genommen haben.

 

// Studentenfutter: Wie erkennt ein Studierender, dass er unter Prüfungsangst leidet und nicht einfach nur nervös ist?

// Walther: Einfach nur nervös – das setze ich mit gesundem Lampenfieber gleich. Das heißt, dass wir in Momenten, in denen unsere Leistung im Mittelpunkt steht, durchaus aufgeregt sein dürfen. Das aktiviert uns, macht uns aufmerksam und konzentriert.

Wenn wir aber an uns zweifeln, also pessimistisch sind, wird daraus Angst. Das geht mit Gedanken einher wie zum Beispiel „Ach du Schreck, bin ich echt schon dran?!?“ oder „Das wird doch sowieso nichts!“. Solche Gedanken lösen in uns negative Gefühle aus, die dann die Leistung auch negativ beeinträchtigen.

 

// Studentenfutter: Welche Symptome kann Prüfungsangst haben?

// Walther: Der Körper reagiert auf Prüfungsangst mit den klassischen Angstsymptomen: Herzrasen, eine schnelle Atmung, irrationale Gedanken, eine schwache Blase und der Wunsch, einfach nur wegrennen zu wollen. Das Extrem ist übrigens der so genannte Blackout. Dann können Studierende oft nicht einmal mehr ihren eigenen Namen sagen. In diesem Fall hat sich das Großhirn komplett verabschiedet.

 

// Studentenfutter: Wie könnte es anders aussehen?

// Walther: Indem man die negativen Gedanken in positive, unterstützende Gedanken umkehrt und sich ein realistisches, nützliches Denkmuster ausmalt. Zum Beispiel: „Das ist eine schwere Klausur, aber ich bin gut vorbereitet.“ Oder: „Ich habe schon viele Klausuren bestanden.“ Die Prüfungsangst wird nicht nach wenigen Minuten weg sein. Deshalb sollten Studierende frühzeitig damit anfangen, solche Situationen zu trainieren.

 

// Studentenfutter: Welchen Sinn hat Prüfungsangst eigentlich?

// Walther: Ich erlebe in meinem Beratungsalltag häufig, dass Prüfungsängste ausgerechnet im Examen zum ersten Mal auftreten.

Stellen Sie sich einen Lehramtstudenten vor. Er hat sein ganzes Studium darauf hin gearbeitet, eines Tages in einer Schule zu unterrichten. In den zugehörigen Unterrichtspraktika hat er aber festgestellt, dass ihm das Unterrichten nicht liegt und ihm fällt auf, dass er sich damals bei der Studienwahl eigentlich keine wirklichen Gedanken über das Berufsbild des Lehrers gemacht hat. Vielleicht wollte er auf Lehramt studieren, weil seine Eltern auch Lehrer sind und diese ihren Beruf sehr lieben. Wenn er nun seine schlechten Praktika-Erfahrungen ignoriert und weiter studiert, als wäre nichts gewesen, dann kann es passieren, dass die Psyche relativ selbständig auf diesen Widerspruch aufmerksam macht. Ich habe hierfür das Bild: „Die Psyche muss sich uns in den Weg werfen“.

Prüfungsangst kann Menschen also dazu zwingen, ganz grundsätzlich über die eigene Situation nachzudenken. Vielleicht bietet sie einen Anlass dazu, das Ruder herumzureißen und die Studienwahl nochmals zu hinterfragen. Der Lehramtsstudent aus meinem Beispiel hat dann zwei Möglichkeiten: Er kann das Studium erfolgreich abschließen, geht allerdings nicht ins Referendariat oder er beginnt etwas ganz Neues.

 

// Studentenfutter: Ab wann sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen?

// Walther: Wenn jemand so ängstlich ist, dass er in einer Prüfung vor lauter Aufregung seine wahre Leistung nicht zeigen kann oder sich vor Angst nicht zu einer Prüfung anmeldet, kurzfristig absagt oder gar nicht hingeht – dann muss etwas geschehen! Dann helfen auch mehrere Anläufe nicht. Im Gegenteil, sie können die Angst verschlimmern oder zumindest festigen.

In diesen Fällen sollte der Studierende die psychologische Beratung der Hochschule aufsuchen bzw. einer Gruppe gegen Prüfungsangst beitreten oder aber ein Buch zum Thema lesen.

 

// Studentenfutter: Kann dadurch wirklich jeder Studierende Prüfungsangst überwinden?

// Walther: Grundsätzlich ja. Ängste sind gut zu behandeln. Aber natürlich hängt es auch davon ab, ob man sich selbst ausreichend reflektieren kann.

Das Gruppenangebot der Humboldt Universität, aus dem mein Buch hervorgegangen ist, wurde 2009 von unserem Institut für Psychologie wissenschaftlich überprüft. Das Ergebnis: Die Teilnehmer hatten am Ende der Gruppe deutlich weniger Angst. Deshalb wollte ich unser Konzept auch in einem Selbsthilfe-Buch zusammenfassen, damit man auch ohne so eine Gruppe das Ganze anwenden kann.

 

// Studentenfutter: Litten Sie als Student eigentlich auch unter Prüfungsangst?

// Walther: Ich war auch nervös, das Gelernte konnte ich aber immer abrufen. Eine große Hilfe waren für mich meine Freunde. Wir haben zu fünft zusammen gewohnt und auch studiert. Zu Prüfungen haben wir uns gegenseitig begleitet. Irgendwie war es ein unausgesprochener Plan, dass wir uns helfen und alle den Abschluss schaffen.

 

 

Holger Walther

Ohne Prüfungsangst studieren

162 Seiten

ISBN 978-3-8252-3675-5

€ (D) 9,99

 

 

 

Über den Autor

Susanne Engstle Susanne Engstle ist für die Marketing- und Presse-Arbeit des UVK Verlags in München zuständig.

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