Ein Europa der zwei Geschwindigkeiten?

Das gemeinsame Haus Europa“ sollte mit der Einführung des Euro und mit den damit verbundenen Homogenisierungs-Effekten gestärkt und ausgebaut werden. Wo stehen wir heute? Warum kommt es vielen Bürgern heute so vor, als wäre das Experiment Euro und Europa gescheitert?

Eine der grundlegendsten Erklärungen für die Schwierigkeiten, welche wir derzeit innerhalb Europas und der Euro-Zone haben, gründet in der Tatsache, dass die einzelnen Volkswirtschaften, eine unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung genommen haben. Die Grafik 1 (Quelle: Thomson Reuters) verdeutlicht diese Aussage.

Normiert man die Industrieproduktion im Jahr 2000 auf 100%, so ist bereits ab dem Jahr 2002, verstärkt ab dem Jahr 2004 ein auseinander driften der einzelnen Volkswirtschaften zu erkennen. Die Subprime-Krise und die sich anschließende Finanzkrise innerhalb der Finanzwirtschaft wirkte dabei wie ein Katalysator. Diese Tatsache ist nicht weiter verwunderlich, denn eine nicht stabile und robuste Wirtschaft, kann einen so tiefgreifenden und problematischen Eingriff von extremen Faktoren nicht so einfach verkraften. Wer bislang „mitgezogen“ wurde, fällt dem Diktat der Strukturänderungen zum Opfer. Die Folge davon ist: Europa entwickelt sich folglich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und vor allem einer sich stark different zeigenden Intensität.

Doch ist ein solcher künstlich zusammengefasster Wirtschaftsraum überhaupt langfristig überlebensfähig?

Diese Frage beschäftigt derzeit Wissenschaftler rund um den Globus. An sich ist ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten nicht zu einem klassischen Wirtschaftsraum zusammenzufassen. Es bedarf eines Ausgleiches, welcher nach dem Vorbild des deutschen Länderfinanzausgleiches getragen werden könnte. Es würde auf jeden Fall jedoch eine gemeinsame Wirtschafts- und Sozialpolitik und ein gemeinsames Vorgehen in den Fragen der Haushaltdisziplin erfordern. Somit ist aus einem ökonomischen Thema ein politisches geworden. Theodor Heuss hat einst gesagt: „Die Akropolis, die sieben Hügeln Roms und Golgota sind die Geburtsstätten Europas“. Heute stehen die Politiker und Wirtschaftsführer an der Schwelle zu einer Neugeburt, welche tiefgreifende Änderungen und Entwicklungen aufzeigen muss. Einige der Szenarien, welche in den kommenden Wochen und Monaten zur Realität werden könnten habe ich in meinem neuen Buch: Die Gier nach Gold aufgezeigt.

Artikelbild: © DLConsulting  / pixelio.de
Grafik Quelle: Thomson Reuters

Über den Autor

Michael Bloss Michael Bloss ist Direktor der Commerzbank AG und des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Er lehrt an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt, Nürtingen-Geislingen und an der Vancouver Island University, BC.

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