Vorrausschauend denken und handeln

ipDr. Iris Pufé ist Nachhaltigkeitsexpertin und unterstützt Wirtschaftsunternehmen, NGOs und Behörden bei der Entwicklung von Nachhaltigkeits- und CSR-Strategien und deren Umsetzung. Ein Gespräch darüber, wie Nachhaltigkeit konkret umgesetzt werden kann.

 

 

// Studentenfutter: Alle reden aktuell von Nachhaltigkeit. Aber was versteht man unter dem Prinzip der Nachhaltigkeit?

// Pufé: Das Wort selbst sagt eigentlich schon alles – dass etwas nachhält, von Dauer, Bestand und langfristiger Wirkung ist. Alle Menschen weltweit, jetzt und in Zukunft, sollen die gleichen Chancen haben, zu leben, zu überleben und ihre Welt zu gestalten. Dies erfordert eine Form des Wirtschaftens, die neben den bislang vorherrschenden rein ökonomischen Gewinnabsichten auch Umweltschutz und Menschenrechte berücksichtigt. Anders gesagt, Nachhaltigkeit bedeutet umwelt- und sozialverträgliches Denken, Handeln und Wirtschaften. Es bedeutet nicht, Gewinne zu erzielen, die dann in Umwelt- und Sozialprojekte fließen, sondern Gewinne bereits umwelt- und sozialverträglich zu erwirtschaften. Wer die Umwelt zerstört, verhält sich langfristig auch unsozial, weil er die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört.

 

// Studentenfutter: Warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema Nachhaltigkeit?

// Pufé: Es gibt für mich kein wichtigeres Thema. Alles andere ist nachrangig. Ohne eine dauerhafte global-gerechte Ressourcenverteilung können wir uns alles Weitere sparen. Ohne Ressourcen kein Wirtschaften, ohne Wirtschaften kein Wohlstand, ohne Wohlstand keine intakte Gesellschaft.

 

// Studentenfutter: Wie kann man im Alltag anfangen, nachhaltig zu leben?

// Pufé: Vor allem: bei sich anfangen. Strom sparen, Wasser sparen, bewusst konsumieren, weniger Fleisch essen, kaum Flugreisen, sich ehrenamtlich engagieren, weniger Wohnraum beanspruchen, öfter ÖPNV nutzen, Carsharing statt eigenes Auto, radeln, spazieren gehen und Naturverbundenheit pflegen.

Am besten ist es, zunächst seinen eigenen ökologischen Fußabdruck zu berechnen. Das geht schnell, einfach und gibt einem ein klares Bild davon, wo man auf zu großen Fuß lebt und wo man ansetzen kann, um ihn zu verringern: Wohnen, Heizen, Energie, Mobilität, Ernährung. So ein CO2-Rechner führt einem die eigene Klimabilanz ungeschönt und nachvollziehbar vor Augen. Da wo die größten Emissionen entstehen, da ist für jeden Einzelnen der Hebel anzusetzen. Bei mir waren es z.B. Flugreisen. Seit ich weiß, dass ich mit einem Langstreckenflug meine Jahresbilanz verhagel, weil es der größte CO2-Posten ist, fliege ich nur noch in Ausnahmesituationen, wenn es wirklich sein muss.

 

// Studentenfutter: Inwiefern liegt es in der Verantwortung der Politik das Thema zu verankern, zu steuern und umzusetzen?

// Pufé: Die Politik informiert, schafft Strukturen und Rahmenbedingungen und fördert den Nährboden für mehr Nachhaltigkeit durch Meinungsbildung. Und sie vergibt Mittel, setzt Recht, installiert Gesetze, Anreize wie Sanktionen. Dabei ist sie auf die Zustimmung und Akzeptanz der Bevölkerung angewiesen. Eine große Macht der Politik liegt darin, Unternehmen zu unterstützen das Thema umzusetzen. Gleichwohl muss die Politik selbst informiert, fortschrittlich und mutig genug sein, Innovationen zu fördern.

 

// Studentenfutter: Heißt Bio-Produkte kaufen auch gleichzeitig nachhaltig zu handeln?

// Pufé: Jein. „Bio“ ist kein verlässliches Label, das einem als Käufer die Unbedenklichkeit eines Produktes über dessen gesamte Zuliefer- und Herstellungskette attestiert. Aber „Bio“ ist tendenziell die bessere Wahl als „normal“, schon allein deshalb, weil der Konsument damit – vergleichbar mit seiner politischen Wahl – seine Stimme bestimmten Herstellern gibt bzw. sie vielmehr anderen vorbehält. Ich würde raten, Produkte mit Siegeln zu kaufen, denen man durch vorheriges Informieren auch wirklich vertraut. Dann weiß man für sich: Das ist zwar etwas teurer, aber man geht auch sicher, was man kauft, ist gesund und fair produziert; und setzt damit das entsprechende Signal. Am besten ist das Shoppingprinzip: lokal, saisonal, biologisch.

 

// Studentenfutter: Was ist das besondere an Ihrem neuen Buch „Nachhaltigkeit“?

// Pufé: Es ist ein Einstiegs- und Überblickswerk, das alle grundständigen Fragen zum Thema Nachhaltigkeit beantwortet. Das Motto: Erst laufen lernen, dann rennen. Ich wollte weder zu oberflächlich noch zu abgehoben informieren, sondern das komplexe Gesamtgefüge Nachhaltigkeit so vermitteln, dass man es versteht.

 

// Studentenfutter: Nachhaltigkeit muss sich rechnen, muss sich lohnen, muss messbare Ergebnisse zeitigen. Was wären denn konkrete Beispiele dafür, dass Unternehmen durch Nachhaltigkeit tatsächlich auch Vorteile, Nutzen und Gewinn haben?

// Pufé: Der Weltmarktführer KnorrBremse will sein Doppelziel ein Fünftel mehr Energieeffizienz und ein Fünftel weniger Emissionen durch Energieeinsparung an den (Elektronik-)Montagelinien erreichen – und eliminiert so den Jahresstrombedarf von 30 Einfamilienhäusern ein (bzw. 64.510 kg CO2) bzw. 14.000 Euro Kosten jährlich pro Linie.

Ein anderes Beispiel: Als erste globale Kleidermarke stieg Patagonia zu 100-Prozent auf Biobaumwolle um. Käufer honorierten das mit einer um jeweils 25 Prozent höheren Nachfrage in den letzten beiden Jahren.

 

// Studentenfutter: Sie reden in Ihrem Buch von der Verrechtlichung des Nachhaltigkeitsprinzips. Was meinen Sie damit?

// Pufé: Es braucht eine sanktionsfähige Instanz, die positive Anreize setzt, aber auch die Macht hat, zu bestrafen. Ohne eine solche Instanz kommt letztlich jeder ungestraft davon – ob Konzerne, Regierungen oder der Einzelne. Wir müssen weg vom rein Freiwilligen hin zu substantiellen Kosten- und Wettbewerbsvorteilen für jene, die Nachhaltigkeit ernsthaft und konsequent über ihre gesamte Zuliefer- und Wertschöpfungskette verfolgen. Bislang haben wir das umgekehrte Problem: Wer in Nachhaltigkeit investiert, als langfristiges Ziel mit nicht immer unmittelbar sichtbaren Erfolgen, der ist – gerade im globalen Wettbewerb – im Nachteil. Das sehen wir gerade deutlich in China, wo billiger, weil auf Kosten der Umwelt, aber auch der Menschenrechte produziert wird. Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit setzen, müssen und werden künftig daraus Wettbewerbsvorteile ziehen.

 

// Studentenfutter: Wie müsste eine zukunftsorientierte Nachhaltigkeitspolitik Ihrer Meinung nach aussehen?

// Pufé: Jede Regierung braucht ein Green Cabinet. Deutschland hat so etwas mit dem Rat für Nachhaltige Entwicklung. Noch aber ist diese Institution ein muskelschwacher Riese. Kompetenz hätte er, aber keine Macht, die auf dieser Kompetenz basierenden Empfehlungen einzufordern. Gleichzeitig muss das Thema Nachhaltigkeit bei jeder politischen Entscheidung – ob Reform, Programmpolitik oder Gesetzgebung –  einbezogen werden: Verträgt sich das mit der langfristigen Überlebensfähigkeit unseres Staates, unseres Landes, unserer Gesellschaft? Dann könnten wir uns künftig auch die hohen Reparaturkosten sparen, die sich auf das zehn- bis zwanzigfache im Vergleich zu präventiven und integrierten Maßnahmen belaufen.

 

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Iris Pufé

Nachhaltigkeit

262 Seiten , br.

ISBN 978-3-8252-3667-0

€ (D) 14,99

Über den Autor

Susanne Engstle Susanne Engstle ist für die Marketing- und Presse-Arbeit des UVK Verlags in München zuständig.

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Ein Gedanke zu „Vorrausschauend denken und handeln

  1. Zukunft

    „Die Zukunft vorherzusagen, ist unmöglich, und alle derartigen Versuche wirken – wenn sie ins Detail gehen – schon wenige Jahre später lächerlich. Dieses Buch hat ein realistischeres, zugleich aber auch anspruchsvolleres Ziel. Es versucht nicht, die Zukunft zu beschreiben, sondern die Grenzen abzustecken, innerhalb derer mögliche Zukunftsentwicklungen liegen müssen.

    Ich glaube – und hoffe – auch, dass Politik und Wirtschaft in der Zukunft nicht mehr so wichtig sein werden wie in der Vergangenheit. Die Zeit wird kommen, wo die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kontroversen auf diesen Gebieten uns ebenso trivial oder bedeutungslos vorkommen werden wie die theologischen Debatten, an welche die besten Köpfe des Mittelalters ihre Kräfte verschwendeten. Politik und Wirtschaft befassen sich mit Macht und Wohlstand, und weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten.

    Die Schaffung von Reichtum ist durchaus nichts Verachtenswertes, aber auf lange Sicht gibt es für den Menschen nur zwei lohnende Beschäftigungen: die Suche nach Wissen und die Schaffung von Schönheit. Das steht außer Diskussion – streiten kann man sich höchstens darüber, was von beidem wichtiger ist.“

    Arthur C. Clarke (Profile der Zukunft)

    Machtausübung (von der Mehrarbeit anderer zu existieren) ist Dummheit, und globaler Wohlstand auf höchstem technologischem Niveau, eine saubere Umwelt und der Weltfrieden sind selbstverständlich. Die Menschheit muss nur damit aufhören, mit aller zur Verfügung stehenden Unvernunft (Politik) etwas „regeln“ zu wollen, was nicht geregelt werden kann, solange es sich durch das vom Kapitalismus befreite Spiel der Marktkräfte nicht selbst regelt.

    Doch vor dem Erwachsenwerden muss ein elementarer Erkenntnisprozesses durchlaufen werden, dessen am Ende über die Maßen bewusstseinserweiternde, aber anfangs ebenso Angst einflößende Wirkung vorab erahnen kann, wer die phantastischen Bilder kennt, mit denen Stanley Kubrick im Schlusskapitel von „2001“ die „Auferstehung aus dem geistigen Tod der Religion“, die Entwicklung des Menschen zum „Übermenschen“ (nach Nietzsche), dargestellt hat – und bitte bedenken Sie das Vorwort von Arthur C. Clarke:

    „Dies ist nur Science Fiction. Die Wahrheit wird – wie stets – weit erstaunlicher sein.“

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