„Die Krise, über die im Wahlkampf gerne geschwiegen wurde, wird wieder an Aktualität gewinnen“

Digital StillCameraDie hohen Schulden einiger EU-Staaten haben den Euro in Gefahr gebracht. Doch  trotz aller bisherigen Rettungsmaßnahmen spitzt sich die Situation immer mehr zu. In seinem Buch Europa im Würgegriff erklärt der Wirtschaftsdozent, Unternehmensberater und Blogbetreiber Gerald Pilz die Lage und zeigt Alternativen auf.

 

 

// UVK: Die Euro-Krise wurde (weitestgehend) aus dem Wahlkampf rausgehalten. Kommt jetzt, nach der Bundestagswahl, die große Rechnung?

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// Gerald Pilz: Die Rechnung wird nicht unmittelbar nach der Wahl vorgelegt werden. Aber schon einige Monate später könnte das ganze Ausmaß der Krise sichtbar werden. Länder wie Griechenland, Portugal, Zypern, Spanien, Slowenien und Italien werden weitere umfassende Milliardenhilfen benötigen. Natürlich wird versucht werden, diese Maßnahmen als „Strukturhilfen“ zu deklarieren. Aber die Krise, über die im Wahlkampf gerne geschwiegen wurde, wird wieder an Aktualität gewinnen.

 

// UVK: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die offiziellen Angaben zur Staatsverschuldung den Wahrheitsgehalt von „Hänsel und Gretel“ haben. Was meinen Sie damit?

// Gerald Pilz: Die tatsächliche Staatsverschuldung wird wohl in keinem Land genau angegeben. Zahlreiche Schattenhaushalte, Sonderfonds und ähnliche Konstruktionen tragen dazu bei, die wahre Höhe zu verschleiern. In Deutschland wurden beispielsweise Verpflichtungen, die aus der Wiedervereinigung resultierten, einfach teilweise ausgelagert. Noch gravierender sind die impliziten Staatsschulden. Hierzu gehören alle Ausgaben, die für Beamtenpensionen und sozialstaatlich begründete Ansprüche in der Zukunft anfallen. Dadurch steigt die Staatsverschuldung insgesamt auf das Drei- bis Vierfache.

Maßgeblich sind nicht die offiziellen Statistiken, sondern die faktische Höhe der Staatsschulden, die sich aber fast nie exakt ermitteln lässt. Insofern könnte die Lage in Ländern wie Italien, Japan, Griechenland oder den USA noch weitaus bedenklicher sein, als in den Verlautbarungen zugegeben.

 

// UVK: Alle historischen Währungsunionen sind bislang gescheitert. Wieso stimmte Deutschland der Währungsunion zu?

// Gerald Pilz: Verschwörungstheoretiker mutmaßen gerne, Deutschland hätte als Preis für die Wiedervereinigung auf Wunsch Frankreichs der Währungsunion zustimmen müssen. Doch Frankreich ist bei der Währungsunion eigentlich der große Verlierer, da die Wettbewerbsfähigkeit des Landes immer mehr zurückgeht. Welchen Vorteil hätte Paris von einer erzwungenen Währungsunion? Man sollte bei einer Analyse auch immer die Perspektive des anderen Landes einnehmen, um objektiv und redlich zu sein.

Die Zustimmung zur Währungsunion entstammt meiner Meinung nach einer Begeisterung für Europa, die aus den fünfziger Jahren stammt und die Generation Kohl nachhaltig prägte. Der Elysée-Vertrag spiegelt diese Aufbruchsstimmung und die damalige Euphorie wider. Doch die Grundhaltung war zwiespältig. Man wollte zwar Europa, aber man wollte es nicht ganz. Ein bisschen Währungsunion war in Ordnung, aber eine echte weiterführende politische Union stieß auf erhebliche Vorbehalte. Eine Währungsunion setzt aber voraus, dass alle beteiligten Mitgliedsländer ernsthafte Kompromisse eingehen und stärker kooperieren.

Insgesamt hat sich die Mentalität in den Nachkriegsjahrzehnten gewandelt. Im Zeitalter der Globalisierung verstehen sich die Eliten eines Landes als Weltbürger und nicht in erster Linie als Europäer. Brasilien, Mexiko, China, Kanada und die USA sind für uns genauso bedeutsam und wichtig.

 

// UVK: Warum leben viele Länder trotz der historischen Erfahrung über ihren Verhältnissen und riskieren sogar eine finanzielle Katastrophe?

// Gerald Pilz: Ich nenne es den „Point of no return“. Irgendwann sind die Staatsschulden so hoch, dass es kein Zurück mehr gibt und die Dynamik sich verselbstständigt. Der Schuldenberg türmt sich immer schneller auf, und die Zinslast wird unerträglich und geht zulasten wichtiger Staatsausgaben. Wann die Grenze überschritten ist, kann niemand sagen. Aber spätestens wenn die Zinszahlungen ausbleiben, wird für alle Gläubiger sichtbar, wie es um ein Land bestellt ist. Ein Schuldenschnitt wird in manchen Ländern ohnehin unverzichtbar sein.

 

// UVK: Bleibt dann doch nur die Auflösung des Euro?

// Gerald Pilz: Den Euro aufzulösen ist fast unmöglich; denn die Kosten wären so gigantisch, dass die gesamte Weltwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen würde. Nach den katastrophalen Ereignissen in den Jahren 2007 und 2008 ist die Lage angespannt; ein solches Desaster würde die Abwärtsspirale drastisch beschleunigen und einen verhängnisvollen Domino-Effekt auslösen. Die Politik wird daher alles daran setzen, die Währungsunion so lange wie möglich bestehen zu lassen. Nach einigen Jahren könnte es aber sein, dass Länder wie Griechenland, Zypern und andere den Ausstieg wählen.

Der Euro verursacht einen erheblichen Druck auf diese Länder, wieder wettbewerbsfähig zu werden. Eine weitere Absenkung des Lohnniveaus ist aber nicht machbar; denn Länder wie Griechenland sind bereits am Abgrund. Eine horrende Arbeitslosenquote von über 27 Prozent kann ein Staat nicht lange aushalten, ohne dass es zu sozialen Verwerfungen kommt. Die Not und das Elend in diesen Ländern nimmt unvorstellbare Ausmaße an. Ein aufrichtiges Engagement für Europa müsste auch darin bestehen, die unerträgliche Situation dieser Menschen ernst zu nehmen und ihnen zu helfen. Eine Europapolitik, die nur aus Lippenbekenntnissen und Aufforderungen, noch mehr zu sparen, besteht, braucht niemand.

 

// UVK: Sie erwähnen in Ihrem Buch die Währung der Nerds: Bitcoins. Viele haben sicher noch nie davon gehört. Was versteht man darunter?

// Gerald Pilz: Bitcoins sind eine virtuelle Währung, gleichsam eine Internetwährung, die von den Notenbanken unabhängig ist. Die Zahl der möglichen Bitcoins ist durch einen hoch verschlüsselten Programmiercode, der in jeder virtuellen „Münze“ verankert ist, strikt begrenzt. Eine Ausweitung durch Inflation ist nicht möglich.

Die Bitcoins werden nicht von einer Zentralbank herausgegeben, sondern müssen im Internet entdeckt (besser wäre der Begriff: „geschürft“) werden wie beispielsweise Diamanten oder Gold. Hierzu müssen Rechenoperationen ausgeführt werden. Je mehr Bitcoins bereits entdeckt worden sind, desto schwieriger, komplexer und aufwändiger gestalten sich die Rechenoperationen; dadurch soll verhindert werden, dass die Geldmenge zu schnell wächst. 2011 gab es für einen US-Dollar noch einen Bitcoin. 2013 erreichte der Bitcoin einen kurzzeitigen Rekordwert von 263 US-Dollar. Inzwischen ist der Wert allerdings wieder gefallen. Zurzeit entspricht ein Bitcoin 97 Euro.

 

// UVK: Könnte sich der Bitcoin oder eine ähnliche virtuelle Währung als weltweite, staatsunabhängige Währung etablieren?

// Gerald Pilz: Manche Länder fürchten, dass durch den Bitcoin ihr Notenbankmonopol in Frage gestellt wird. Menschen, die ihr Vermögen in Bitcoins angelegt haben, bleiben von einer Währungsreform verschont. Insofern haben Bitcoins einen ähnlichen Status wie Gold oder Silber. Dennoch hat auch der Bitcoin Nachteile. Der virtuelle Charakter der Währung erfordert sehr hohe IT-Sicherheitsstandards bei der Speicherung und bei den Transaktionen. Immer wieder kam es in der Geschichte zu gravierenden Zwischenfällen.

Die Idee einer staats- und notenbankunabhängigen Währung gewinnt aber an Bedeutung. Die äußerst hohe Staatsverschuldung  weltweit stellt ein weithin unterschätztes Gefahrenpotenzial dar. Eine hohe Inflation oder sogar eine Währungsreform hätten dramatische Auswirkungen und könnten das Vermögen, das Generationen angesammelt haben, zerstören.

Allerdings bezweifle ich, dass sich der Bitcoin durchsetzen wird. Dafür ist er zu sehr eine spezielle Währung für Menschen mit einer hohen Internetaffinität. Wer nicht umfassende Kenntnisse in IT-Sicherheit besitzt, wird sich mit dem Bitcoin schwer tun.

 

// UVK: Wie sieht es mit einer weltweiten Einheitswährung aus?

// Gerald Pilz: Vernünftig wäre eine weltweite Währung, die sich durch eine Unabhängigkeit von einzelnen Staaten und Notenbanken auszeichnet. Sie könnte durch Edelmetalle oder zumindest einen ausgewogenen Währungskorb gestützt werden. Als Vorbild könnte das Währungssystem von Bretton Woods dienen, das nach 1945 von den USA eingeführt wurde. Es sorgte jahrzehntelang für Stabilität und beruhte auf einem Goldstandard, der von den USA garantiert wurde. Gescheitert ist das Modell letztlich an den hohen Ausgaben des Vietnam-Kriegs, so dass die Goldbindung fiel und die Währungen freigegeben wurden.

Ein neues Bretton Woods würde eine Vielzahl von Staaten mit einbeziehen. Allerdings muss dennoch bezweifelt werden, ob Staaten mit ihrem notorischen Hang zu einer immer höheren Verschuldung wirklich die erforderliche Disziplin aufbringen, um ein stabiles, internationales Währungssystem auf Dauer zu etablieren.

 

Buchtrailer:

Über den Autor

Susanne Engstle Susanne Engstle ist für die Marketing- und Presse-Arbeit des UVK Verlags in München zuständig.

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