Digitale Transformation – ein Stiefkind der Ökonomen

Rolf_KernDie digitale Transformation ‒ der unaufhaltsame Übergang von der analogen in die durch Computer und Internet geprägte Welt ‒ zwingt viele ökonomische wie gesellschaftliche Bereiche dazu, sich anzupassen oder sich ganz neu zu erfinden, sofern sie überleben wollen. Auffällige Erscheinung dieser Verschmelzung von realer und digitaler Welt: Nicht nur die Internetgeneration, auch die älteren Semester haben ihre Smartphones, Laptops, Tablets oder PCs immer dabei, sie füllen ihre Freizeit damit aus und schleppen sie mit ins Büro, wo die digitalen Objekte Teil der Arbeitsplatzausstattung geworden sind.

Dabei ist die Internetgeneration oft beides: Nutzer und Entwickler von Innovationen.

Reich sein macht SpaßIn Forschung und Entwicklung werden vor allem Informatiker, die als die „Ingenieure“ dieser Veränderungsprozesse gelten, durch großzügige nationale und europaweite Forschungsprogramme gefördert, damit Deutschland und Europa im Wettbewerb mit Silicon Valley nicht weiter zurückfallen. Im Gegensatz dazu werden die „Nebenfolgen“ der digitalen Transformation für Arbeitsmärkte, Kultur, Politik, Umwelt und Datenschutz eher als „Restposten“ in den Wissenschaften behandelt.

So haben beispielsweise die deutschen Informatikfakultäten sämtliche, seit den 1980er Jahren bestehenden Lehrstühle für „Informatik & Gesellschaft“ abgeschafft. Bei den jüngeren Kollegen dürfte selbst der Name Joseph Weizenbaum, einer der frühen deutsch-amerikanischen Pioniere der Künstlichen Intelligenz und spätere differenzierte Kritiker einer Gesellschaft, die Computer nutzt ohne Berücksichtigung der gesellschaftlichen „Nebenfolgen“, kaum noch bekannt sein.

utb macht glücklichUnd die anderen Disziplinen? Die Betriebswirtschaftslehre interessiert sich vor allem für E-Commerce, Online-Marketing und inter-aktive Wertschöpfung, was vor allem meint, wie aus der Masse der Nutzer ‒ der Crowd ‒ kostenlos Innovationen abgeschöpft werden können. In den Sozialwissenschaften und in der Volkswirtschaftslehre nehmen nur wenige Wissenschaftler die Herausforderung an, ihre Modelle mit der digitalen Transformation zu verknüpfen.

Obwohl Wirtschaftswissenschaften als auch Informatik die gesellschaftlichen „Nebenfolgen“ durch ihre Arbeiten zu einem guten Teil mitproduzieren, sehen sie keine Notwendigkeit, diese bei ihren Forschungen und Produktentwicklungen zu berücksichtigen; ihr passives Verhalten signalisiert: wir sind nicht zuständig!

Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern, weil das Wissenschaftssystem trotz Wilhelm von Humboldt generell darauf ausgerichtet ist, disziplinäre wissenschaftliche Forschung zu belohnen. Begriffe und Spezialwissen sind für Außenstehende immer unzugänglicher geworden und die Sprachlosigkeit zwischen den Disziplinen ist heute offensichtlich. Gleichwohl sind Appelle zu transdisziplinärer Zusammenarbeit verbreitet, wirken aber, wenn sie denn einmal zu-stande kommen, kaum auf den Kern der Disziplinen zurück. So konnte sich keine gemeinsame Sprache entwickeln, mit der eine Verständigung über die anstehenden Herausforderungen möglich werden konnte. Unterbleibt aber ein solcher Austausch, so werden die „Nebenfolgen“ heimatlos und bleiben ungelöst, was die augenblickliche Situation der digitalen Welt in der Wissenschaft beschreibt. Es gibt keinen Blick fürs Ganze.

Rolf-Google-9783867645904.inddDer Text stammt aus dem aktuellen Buch Des Googles Kern und andere Spinnennetz von Arno Rolf und Arno Sagawe – erhältlich im gut sortierten Buchhandel und online. Das Buch nimmt die Zukunft vorweg. Es beschreibt den genauen Weg unserer Gesellschaft in die Digitale Welt – in die Smarte Gesellschaft. Unsichtbares wird nun sichtbar.

Über den Autor

Jürgen Schechler Dr. Jürgen Schechler ist Programmleiter Wirtschaftswissenschaften. Er leitet das Redaktionsbüro von UVK Lucius in München für die UVK Verlagsgesellschaft mbH.

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