Wie die kalifornischen Tüftler die Welt mit Hilfe der 68er-Bewegung eroberten

Rolf_Kernbegann damit, dass sich junge Technikfreaks in ihren Garagen am „Zusammenschrauben“ kleiner Rechner versuchten, ausprobierten und den Rechner an ihre Bedürfnisse anpassten, programmierten und immer neue Ideen für die Verwendung der neuen Maschine entwickelten. So erzählt man sich jedenfalls heute diese Zeit des Aufbruchs.

Gleichzeitig wurde Software entwickelt, die ihren Siegeszug sowohl im privaten Umfeld antrat als auch vom unternehmerischen Umfeld übernommen wurde. Gerade die Loslösung von ökonomischen Zwecken förderte neue Kreativitätspotenziale. Der Computer trat mit dem PC über die Schwelle zur Lebenswelt. Mit der Verbreitung des Internets schließlich wuchs die Bedeutung des Computers als Informations- und Kommunikationsmedium. Wenige Jahre später sollten daraus IT-Giganten entstehen, die die globalen Märkte durcheinanderwirbeln und das gesamte Innovationsgeschehen beherrschen sollten. Es sind die Erzählungen, die vor allem von Microsoft, Apple, Google und Facebook geschrieben wurden.

Die im privaten Bereich neu entstehende Hard- und Software lieferte später auch immer wieder Anstöße für die Erschließung neuer Anwendungsfelder in der Welt der Organisationen. Vielfältige Kreuzungen und Übernahmen von der Welt der Organisationen und der Lebenswelt prägen bis heute ein unübersichtliches Bild. Aus der Garagenfirma-Entwicklung PC ist längst ein globales ökonomisches Cluster geworden, das Open Source-Projekt Linux spielt in beiden Welten, Wikipedia scheint eine stabile Dienstleistung für die Lebenswelt geworden zu sein.

Reich sein macht SpaßSie werden zunehmend durch den Einfallsreichtum von Tüftlern mit hervorragenden Programmierkenntnissen vor Ort vorangetrieben, sie bezeichnen sich in der deutschen Szene selber gern als Frickler.

In den Anfängen dieser Epoche in Kalifornien haben die Tüftler ihre Kenntnisse häufig an Universitäten erworben und dann autodidaktisch weiterentwickelt. Sie versuchen ihre technischen Vorhaben mühsam und kleinteilig, oft auch in Internet-Communities und in Open Source-Projekten, mit großer Ausdauer und zuweilen auch großem ökonomischen Erfolg umzusetzen. Die Leitfiguren Bill Gates, Steve Jobs, Linus Torvaldts oder Marc Zuckerberg stehen dafür, sie alle begannen einmal so.

Die Tüftler sind bis heute wichtige Innovationsmotoren der digitalen Gesellschaft. Viele der heutigen „Alltagstechnologien“ gehen auf einen einzelnen Tüftler- oder ein Tüftler-Team zurück, vorwiegend angesiedelt im Silicon Valley. Der Kontext, in welchem sie zu „basteln“ begannen, lag oft irgendwo zwischen Universität, Garage und Business. Sie wurden zunächst durch die Angebote ihrer Universitäten neugierig. Dort konnten sie rund um die Uhr üben. Das Business wurde dann oft um diese Entwicklungen herum aufgebaut. Der Uni-versitätsabschluss blieb dabei oft auf der Strecke.

utb macht glücklichDie zentrale Frage für die Tüftler war zu Anfang, wie Computer und Internet als Teil des zukünftigen „Mobiliars“ in die Lebenswelt integriert werden können, ohne dabei Handlungen einzuschränken, sie eher zu erweitern. Die Frage nach dem Nutzer der Innovationen stellt sich deshalb neu. Der Nutzer ist nicht mehr primär das Management oder der Mitarbeiter in Organisationen, sondern der Mensch in der Lebenswelt. Der PC wurde in der Lebenswelt von den neuen Nutzern anfangs als eine Maschine der Muße willkommen geheißen: eigene Urlaubsbilder archivieren, Spiele spielen, im Word Wide Web surfen.

Während die klassischen Informationstechniken für betriebswirt-schaftliche Zielsetzungen in der Unternehmenswelt eingesetzt werden, werden die Nutzer mit dem Aufkommen von PC und Internet in ihrer Kommunikation unabhängig von Ort und Zeit, und das weltweit. Parallel dazu konnten diese Techniken auch in den Unternehmen sinnvoll genutzt werden. Hier stießen sie schnellere und produktivere Kommunikationsprozesse an.

Als alles anfing, war damals in Kalifornien die Flowerpower-Zeit. Unter diesem Einfluss versuchten Softwareentwickler mit großem Engagement, Peer-to-peer-Software zur Unterstützung der Basisdemokratie in Betrieben voranzubringen, Computer-supported-cooperative-work (cscw) genannt. Einer ihrer weitsichtigsten Vertreter war Douglas Engelbarth. Er schlug drei Klassen von Unterstützungssoftware vor, an denen er mit seiner Forschungsgruppe im CoLab-Projekt des XEROX Palo Alto Research Center arbeitete: Software zur Sitzungsunterstützung, Konferenzsysteme sowie Software für die ortsungebundene und zeitunabhängige Zusammenarbeit. Wenn man so will, wird hier bereits der Charakter der späteren sozialen Netzwerke erkennbar.

Es ist wohl kein Zufall, dass in der sogenannten „68er-Zeit“ ein Boom der Tüftler und Technikfreaks aufkam. Sie wollten für ihre politischen Vorstellungen von Partizipation und Kooperation die passenden „Werkzeuge“ entwickeln. Es war ihr Anliegen, die bis dahin üblichen Datenverarbeitungstechnologien zu überwinden, die darauf ausgelegt waren, Hierarchien und Herrschaft zu stabilisieren, zu steuern und zu kontrollieren. Das Internet wurde daher als ein dezentrales, kaum zu kontrollierendes Netz entworfen. Im Internet-Design finden sich die autonomen, fast anarchischen Vorstellungen der 68er-Zeit wieder.
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Über den Autor

Jürgen Schechler Dr. Jürgen Schechler ist Programmleiter Wirtschaftswissenschaften. Er leitet das Redaktionsbüro von UVK Lucius in München für die UVK Verlagsgesellschaft mbH.

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