Nachhaltigkeitscontrolling im Aufwind

Sailer-Nachhaltigkeit-9783867646901.inddNachhaltigkeitscontrolling setzt sich nur schrittweise in der unternehmerischen Praxis durch, denn häufig gibt es »Wichtigeres zu tun«. „Wer Nachhaltigkeit im Unternehmen und im Controlling verankern möchte, muss wissen, dass es sich um einen mehrstufigen Prozess handelt, der eine klare Zielrichtung, Geduld und Einsatz voraussetzt“, sagt Prof. Dr. Ulrich Sailer, Autor des UVK-Buches „Nachhaltigkeitscontrolling“. Im Interview gibt der Wirtschaftsprofessor wichtige Tipps.

 

UVK: Herr Sailer, welche Rolle spielt das Controlling beim Thema Nachhaltigkeit?

Ulrich Sailer: Nachhaltigkeit professionell zu managen und solche Maßnahmen zu ergreifen, die am effektivsten und effizientesten sind, setzt sich zunehmend durch. Die Zeiten, dass man halt irgendwelche Maßnahmen mit ungewissen Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit ergreift, sind vorbei. Dies kann sich kein Unternehmen mehr leisten. Wenn sich also ein Unternehmen ökonomische, ökologische und soziale Ziele setzt, braucht das Management umfassende Informationen darüber, wie sich Handlungen auf diese Ziele auswirken. Das Controlling sorgt bei der Nachhaltigkeit also für Transparenz und damit für bessere Entscheidungen. Auch wenn das Nachhaltigkeitscontrolling erst bei wenigen Unternehmen professionell aufgestellt ist, scheint kein Weg daran vorbeizugehen, Nachhaltigkeit professionell umzusetzen. Nachhaltigkeitscontrolling ist damit keine zusätzliche Controllingfunktion, sondern das einseitig ökonomisch ausgerichtete Controlling erweitert sich zu einem ganzheitlichen, nachhaltigen Controlling.

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UVK: Betrifft das Thema Nachhaltigkeitscontrolling nur große Unternehmen?

Ulrich Sailer: Nein keinesfalls, es gibt auch mittelständisch geprägte Unternehmen – ich denke etwa an den Flughafen Stuttgart oder an die DATEV aus Nürnberg – die sich hier professionell aufgestellt haben. Letztlich ist es so wie beim traditionellen Controlling: je größer und vielgestaltiger das Unternehmen ist, desto höher ist der Koordinationsaufwand und damit auch der Bedarf an Controllern. Aber natürlich muss auch der Mittelständler wissen, wie er seine Nachhaltigkeitsziele bestmöglich erreicht. Welche Investition führt beispielsweise zum größten ökologischen Nutzen oder trägt der Verzicht auf einen kritischen Lieferanten dazu bei, dass Sozialstandards erfüllt werden. Viele Unternehmen denken bei der Nachhaltigkeit zu Recht nicht mehr nur bis zum eigenen Betriebstor, sondern an die gesamte Wertschöpfungskette – und hier gibt es große und viele kleine Unternehmen.

 

UVK: Wenn sich ein Unternehmen für die Einführung von Nachhaltigkeitscontrolling entscheidet, was wäre der erste wichtige Schritt?

Ulrich Sailer: Genau wie beim klassischen Controlling startet man natürlich nicht mit Maßnahmen, sondern mit Zielen. Erst ist also zu klären, welche ökonomischen, ökologischen und sozialen Ziele man erreichen möchte. Bei den ökonomischen Zielen befragt man typischerweise die Gesellschafter, also die Shareholder. Da ökologische und soziale Effekte die Gesellschaft betreffen, ist diese, vertreten durch die Stakeholder, nach ihren Zielvorstellungen dem Unternehmen gegenüber zu befragen. Die meisten großen Unternehmen führen daher, teils schon seit mehreren Jahren, Stakeholderdialoge durch. Ausgehend von diesen Zielen kann eine geeignete Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt werden, die wiederum den Rahmen für operative Maßnahmen bildet.

 

UVK: Wo liegen Ihrer Meinung nach derzeit die größten Herausforderungen im Nachhaltigkeitscontrolling?

Ulrich Sailer: Am häufigsten nennen Unternehmen den Wunsch, die Nachhaltigkeit messen zu können. Es reicht nicht mehr aus, Maßnahmen zu ergreifen, die irgendwie nachhaltig sind. Man möchte wissen, welche Maßnahme zu welchem nachhaltigen Erfolg führen. Das ist aber nicht nur eine Frage nach geeigneten Werkzeugen, sondern dies ist auch eine kulturelle Herausforderung. Der Controller muss sich neben der ökonomischen Zielerreichung auch für die ökologischen und sozialen Ziele verantwortlich zeigen. Das Controlling benötigt ein erweitertes Rollenverständnis, um die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit zusammenzuführen und ausgewogen zu koordinieren. Schließlich steht auch das Top-Management vor der Herausforderung, die Nachhaltigkeitsstrategie selbst dann konsequent umzusetzen, wenn das Unternehmen unter einem hohen wirtschaftlichen Druck steht. Wenn kurzfristige Gewinnziele notfalls doch über den Nachhaltigkeitszielen stehen, wird sich auch das Controlling primär an der Erreichung der Gewinnziele ausrichten.

 

UVK: In Ihrem neuen Buch Nachhaltigkeitscontrolling. Was Controller und Manager über die Steuerung der Nachhaltigkeit wissen sollten wird die Rolle der Controller in nachhaltigen Unternehmen geklärt. Kann man sagen, dass diese künftig immer mehr nicht-finanzielle Kriterien miteinbeziehen müssen?

Ulrich Sailer: Absolut – die Stakeholder, die dem Unternehmen die „Licence-to-operate“ verleihen, werden nur wenige finanzielle Ziele benennen. Es steht weder dem Manager noch dem Controller zu, die eingeforderten nicht-finanziellen Ziele abzulehnen oder zu ignorieren. Die Planung und Koordination von Zielen und von Maßnahmen, die Erfassung der Zielerreichung und das Reporting sind nach wie vor die Hauptaufgaben der Controller. Und dies gilt auch für nicht-finanzielle Ziele, wobei die Ziele dennoch häufig quantifizierbar sind: CO2-Einsparungen, Steigerung der Kundenzufriedenheit, Verringerung des Wasserverbrauchs, Verringerung von Arbeitsunfällen,… Das Controlling wird vielseitiger, bedeutsamer und noch sinnvoller.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

 

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Ulrich Sailer
Nachhaltigkeitscontrolling
Was Controller und Manager über die Steuerung der Nachhaltigkeit wissen sollten

1. Auflage 2016, 280 S.
UVK Verlagsgesellschaft mbH
ISBN 978-3-86764-690-1
€(D) 39,99

 

Über den Autor

Susanne Engstle Susanne Engstle ist für die Marketing- und Presse-Arbeit der UVK Verlagsgesellschaft mbH im Redaktionsbüro München zuständig.

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